Sonntag, 5. März 2017
16. Hofbauer-Kongress: Tag 3
Da mir ein paar Sachen dazwischen gekommen waren, hier nun mit etwas Verzögerung noch der fällige Bericht zum letzten Tag des 16. außerordentlichen Filmkongresses des Hofbauer-Kommandos:



Eröffnet wurde der Sonntag mit einer Pornochanchada - ein Genre, das im Brasilien der 70er und 80er Jahre äußerst populär war und Sexkomödien bezeichnete, von denen die wenigsten außerhalb des Entstehungslandes gezeigt wurden. Eine der Ausnahmen war VERFLIXT NOCHMAL... WER HAT, DER HAT (José Miziara, 1978), der auserwählt wurde, auch hiesige Leinwände zu befruchten. Die Geschichte handelt von einem naivem Landei, das mit einem mächtigem Schwengel ausgestattet ist und die Aufmerksamkeit von zwei reichen Damen aus der Großstadt auf sich zieht, die ihn alsbald unter ihre, äh, Fittiche nehmen wollen. Hier ist viel Slapstick an Bord, die Tonspur setzt lustige Geräusche ein - vor allem, als sich unser Held zwecks Zügelung seiner Triebe eine Ritterrüstung anzieht, die Erektion aber trotzdem nicht ausbleibt - und bei jedem Orgasmus gibt es ein Erdbeben. Bonuspunkte zudem für Herbert "Mr. Spock" Weicker als Synchronstimme eines tuntigen Butlers und die wohl unvorhersehbarste Auflösung der Standardsituation "Ehemann erwischt seine Frau mit einem anderen im Bett". Spaß!



Unter den Teppich der Filmgeschichte werden auch gerne die zur NS-Zeit entstandenen Unterhaltungsfilme gekehrt, und einen solchen gab es als nächsten zu sehen: DAS BAD AUF DER TENNE (Volker von Collande, 1943) war zu seiner Zeit ein großer Hit, und das obwohl Herr Goebbels ihn aufgrund zu vieler Anzüglichkeiten überhaupt nicht mochte. Im wahrsten Sinne des Wortes ein "Lustspiel", werden hier die Irrungen und Wirrungen eines kleinen Orts am Niederrhein geschildert, nachdem die Frau des Bürgermeisters eine Badewanne geschenkt bekommen hat. Heutzutage bedenklich wirkend ist freilich die Darstellung eines kleinen afrikanischen Jungen, die war aber in Hollywood zu dieser Zeit auch nicht unbedingt besser.



Nach einem sättigendem Mahl mit böhmischer Küche (Ich liebe Reibekuchen!) wurde es dann noch mal Zeit für den Onkel Joe und quasi sein Sahnestück des diesjährigen Kongresses: NACKTE EVA (Joe D'Amato, 1976) war von vorne bis hinten ein Traum, mit exotischen Locations in Hong Kong, tollen Darstellern wie Laura Gemser, Jack Palance, Gabriele Tinti und zahlreichen geilen Sequenzen und Bildern. Danach hätte ich auch mit einer Schlange getanzt, wenn eine dagewesen wäre.



Unglücklicherweise gab es Probleme mit den Kopien der ursprünglich geplanten letzten beiden Filme, aber das Hofbauer-Kommando wäre nicht das Hofbauer-Kommando, wenn es nicht auch eine solche Situation souverän meistern könnte. So zogen sie spontan DER ZYNISCHE KÖRPER (Heinz Emigholz, 1991) aus dem Hut, einen der wenigen Spielfilme des Architektur-Filmers, der sich als absoluter Knaller entpuppte. Großartig, wie hier die gestelzten Dialoge des "intellektuellen deutschen Films" sich selbst parodieren und mit kongenialen Bildern untermalt werden. Ein weiterer toller Film, den ich ohne den Kongress wahrscheinlich gar nicht wahrgenommen hätte.

Für die ganz Harten gab es im Anschluß noch die Folgen 5-8 von DER LIEBE AUF DER SPUR zu sehen, die nicht ganz den Unterhaltungswert der erste vier Folgen besaßen, aber es war auch schon spät, und ich wurde ein bißchen müde. Interessant jedenfalls, daß in der letzten Folge plötzlich in ziemlicher Vehemenz AIDS thematisiert wurde und der ansonsten eher lockere Ton der Serie ziemlich ins düstere kippte, komplett mit Nebelmaschinen in finsteren Gossen. Es ist mir völlig unbegreiflich. Weiß zwar nicht, wohin die Reise geht, doch es geht mir gut.



Für mich geht die Reise definitiv zum nächsten Hofbauer-Kongress, aber zuvor noch zum diesjährigen Terza Visione-Festival, das Ende Juli in Frankfurt stattfindet und bestimmt auch wieder sehr geil wird.

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Montag, 13. Februar 2017
Live-Audiokommentar LII: Amerika, du hasst es besser!


Auch 2017 wird weiter live-audiokommentiert! Wie gehabt in der duften Raststätte und mit einem Überraschungsfilm, diesmal alleine von mir getextet mit ein paar alternativen Fakten..

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Donnerstag, 19. Januar 2017
16. Hofbauer-Kongress: Tag 2


Ein Stammgast bei den Hofbauer-Kongressen ist mittlerweile auch der eigenartige Jürgen Enz. Mit VERBOTENE SPIELE AUF DER SCHULBANK (1980) begann der Kongress-Samstag dann im wahrsten Sinne des Wortes äußerst Hardcore. Auch dieser Film zeichnete sich durch die vom Regisseur gewohnte triste Mise en Scène und die beinah schon lustfeindliche Inszenierung der Sexszenen aus, wobei die Hauptdarstellerin Soraya Athigi - die scheinbar in sonst keinem anderen Film aufgetreten ist - für Enzsche Verhältnisse recht ansehnlich ist. Überraschend auch einzelne Sequenzen eines Schulausflugs, die eine durchaus idyllische Stimmung verbreiten konnten, und das zynische, knallharte Ende.



Mein erster Höhepunkt des Festivals (hmm, bei Erotikfilmen von Höhepunkten zu schreiben, dafür gehöre ich eigentlich ausgepeitscht) war dann der sehr obskure und wohl andersweitig kaum zu sehende SYRTAKI - EROTIK OHNE MASKE (Giorgos Papakostas, 1966), eine sättigende Mischung aus Exploitation und Moralkeule. Die junge Maro wird von ihren Eltern vom Land in die Stadt geschickt, um ihrer schwangeren Schwester beizustehen. Sie sträubt sich sichtbar, da sie weiß, dort ihrem schweinischen Schwager Kostas ausgeliefert zu sein. Ein Film voller Dynamik, der ständig Gas gibt und konsequent auf den Abgrund zusteuert. Eine wundervolle Entdeckung!

Als nächstes schlug die Stunde des geheimnisvollen Filmclubs BUIO OMEGA, die zwei Überraschungsfilme aus Gelsenkirchen mitbrachten. Der erste war eine Rarität aus Japan, und der deutsche Titel LUSTVOLL EINE SCHLANGE STREICHELN (Kan Mukai, 1968) löste ein wenig Kopfkratzen aus, aber das ist ja keine Seltenheit. Erzählt wird nämlich die Geschichte eines armen Mädchens aus einem heruntergekommenen Bretterbuden-Viertel, das sich prostituiert, um nicht zu verhungern. Später schafft sie es zwar immerhin zu einer eigenen Bar, aber Glück und Liebe bleiben ihr fern. Ein äußerst düsterer Film in den aus Japan gewohnten makellosen Scope-Bildkompositionen und ein interessanter Kontrast zum frivol-fröhlichen Ton anderer Kongressfilme.



Der zweite Überraschungsfilm der Buios kam aus den USA und von einer alten Bekannten: Auch ZAUBERSTAB ZUR SELBSTMASSAGE (Doris Wishman, 1968) hat einen etwas merkwürdigen deutschen Titel bekommen - es geht um einen rücksichtslosen Gigolo, der mit allen Mitteln versucht, "nach oben zu kommen" - aber egal, das ist wieder Wishman-Wahnsinn reinsten Wassers mit unerklärlichen Kameraperspektiven, surrealer Montage und vielen Telefonen. Sehr schön auch der Vorfilm, in dem die Herren aus Gelsenkirchen Frau Wishman bei den Dreharbeiten zu ihrem letzten Film besuchten und auch ihren sympathischen Stamm-Kameramann C. Davis Smith interviewten.



Zum Abschluß gab es dann wieder etwas von Onkel Joe: MIT DER PILLE UMSO TOLLER (Joe D'Amato, 1977) ist eine klassische Sexkomödie um einen Frauenarzt, der zusätzlich zu seiner eigenen kleinen Praxis die Vertretung eines High Society-Kollegen übernimmt, der sich wegen Schulden ein wenig verdünnisieren muß. So hat er in Oberschicht wie Unterschicht alle Hände voll zu tun...und nicht nur die Hände. Eine durchaus kurzweilige Angelegenheit, die die Nummernrevue der Sexszenen noch mit etwas politischer Satire würzt.

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