Sonntag, 27. September 2015
Guido Morselli: Licht am Ende des Tunnels
Dieser Alternativwelt-Roman geht von der Prämisse aus, daß die Österreicher heimlich einen Tunnel nach Italien gegraben haben und den ersten Weltkrieg 1916 so bereits zu ihren Gunsten entscheiden konnten, woraufhin sich die Geschichte Europas auch komplett anders entwickelte...



Ich habe ja schon mehrfach geschrieben, daß ich ein großer Fan der "Phantastischen Bibliothek" des Suhrkamp-Verlags bin, was dann auch dazu führte, daß ich in Antiquariaten auch schon mal das ein oder Buch aus der Reihe mitnahm, obwohl mir der Autor nichts sagte oder das Genre nicht ganz meinen Vorlieben entsprach. Hier ist es dann leider so gewesen, daß mich das Buch nicht vollkommen zufriedenstellen konnte, zu ausführlich die Beschreibungen von militärischen Operationen und diplomatischen Vorgängen. Toll jedoch das "kritische Intermezzo", in dem der Autor eine Meta-Ebene öffnet und auch einige amüsante Anekdoten, die eingestreut werden. Guido Morselli ist schon außerordentlich begabt und hat eine erstaunliche Fantasie, aber leider war das hier nicht ganz meine Tasse Tee.

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Freitag, 26. Dezember 2014
Heinrich Zschokke: Heirate niemals im Advent
Im kleinen Ort Herbesheim geht die Sage des "toten Gastes" um, der alle 100 Jahre erscheint und in der Adventszeit drei der schönsten Jungfrauen Heiratsanträge macht - doch einige Tage später findet man die Bräute mit umgedrehten Hals tot im Bett und vom fremden Galan fehlt jede Spur. Als sich der nächste Jahrestag nähert, soll die hübsche Friederike Bantes nach ihres Vaters Willen den Sohn des reichen Bankiers Hahn heiraten, der ähnelt mit seinem langen, bleichen Gesicht und der schwarzen Kleidung aber sehr dem toten Gast aus der Sage, zudem fühlt Friederike sich eher ihrem Jugendfreund Waldrich zugeneigt...



Für heutige Leser dürfte der 1821 unter dem Titel "Der tote Gast" verfasste Roman aufgrund seiner teils antiquierten Sprache und eher weniger spektakulären Handlung nicht unbedingt von großem Interesse sein, es ist aber lobenswert, daß der Herder-Verlag ihn wie einige ähnliche Werke Anfang der 1980er in seiner Taschenbuchreihe "Unheimliche Geschichten" wieder zugänglich machte. Von besonderem Wert ist hier das ausführliche Nachwort von Hildegard Gerlach, welches nicht nur den mittlerweile kaum noch bekannten Autoren, sondern auch den historischen Kontext der Geschichte genau beleuchtet, und so einige satirische Spitzen betont, die einem sonst entgangen wären. Für Freunde des ursprünglichen "Schauerromans" in der Ann Radcliffe-Tradition eine durchaus gewinnbringende Lektüre. Erstaunlich auf jeden Fall, daß der vom Autor gewählte fiktive Handlungsort "Herbesheim" bis zum heutigen Tage nicht existiert, obwohl man sich durchaus einen Ort diesen Namens vorstellen könnte - und das knapp zwei Jahrhunderte vor Google, Wikipedia und Co.

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Dienstag, 11. November 2014
Frank Portman: King Dork
Frank Portman ist besser bekannt als "Dr. Frank", Sänger/Gitarrist/Songwriter der seit 1985 aktiven kalifornischen Punkrock-Band THE MR. T EXPERIENCE und ist wohl auch einer der größten lebenden Punk-Lyriker - nicht im politischen Sinne, sondern in einer ganz eigenen Art mit grandiosen Wortspielen Weltschmerz und Liebeskummer süß-sauer zu verpacken. Außerdem ist er auch ein verdammt netter Kerl, was sich bei seinem letzten Gig in Aachen vor zwei Jahren erneut bestätigte. 2006 veröffentlichte er seinen ersten Roman, und jetzt kam ich endlich auch mal dazu, diesen zu lesen.



Dabei hatte ich anfangs ein bißchen Schwierigkeiten, war ich doch fälschlicherweise davon ausgegangen, daß der Autor, obwohl ein paar Jahre älter als ich, ein Buch für "unsere" Generation verfasst hatte - "King Dork" ist aber eher an eine "Young Audience" gerichtet, also die Teenager und Heranwachsenden von heute. Das Buch zog mich aber trotzdem bald in seinen Bann: Erzählt wird aus der Perspektive des Außenseiters Tom Henderson, der nur einen Freund hat und ansonsten von seinen stärkeren Mitschülern drangsaliert wird, was mich dann schon an einige Momente der eigenen Schulzeit erinnerte, aber auch in einem so lakonisch-humorvollen Stil beschrieben wird, daß man gerne kleben bleibt. Zudem wird noch eine Art Detektivgeschichte mitgeliefert, in der Tom versucht, die merkwürdigen Notizen, die sein verstorbener Vater in seiner Ausgabe von THE CATCHER IN THE RYE hinterlassen hat, zu entschlüsseln, und es gibt Popkultur-Referenzen satt, von den RAMONES (klar) bis zu INVASION OF THE BODY SNATCHERS. Auch sehr amüsant die Bandnamen und Albumcover, die sich der Erzähler und sein Freund ausdenken, bevor sie überhaupt mal ein relevantes Instrument besitzen geschweige denn spielen können. Rundum lohnenswerte Lektüre, die weiteren Bücher von Frank Portman - das aus weiblicher Perspektive geschriebene "Andromeda Klein" und die für Dezember angekündigte Fortsetzung von "King Dork" - landen dann auch gleich mal auf der Einkaufsliste. Ob aus der seit 2009 angekündigten Verfilmung des Romans was wird, bleibt abzuwarten...

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Mittwoch, 1. Oktober 2014
Franz Rottensteiner (Hrsg.): Viktorianische Gespenstergeschichten
Klassische Geistergeschichten laufen bei mir ja immer gut rein, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis ich mir diese Sammlung aus einer der wohl fruchtbarsten Perioden des Genres vornehmen würde. Neben Charles Dickens, Joseph Sheridan Le Fanu und Edith Nesbit sind hier hauptsächlich heutzutage eher vergessene Namen versammelt, wobei interessanterweise weibliche Schriftsteller deutlich dominieren. Von einer Dame stammt auch meine Lieblingsgeschichte der Anthologie, "Die Nase" von Rhoda Broughton, die zunächst leicht und humorvoll vom Urlaub eines verliebten Paares berichtet, dann aber einige bittere Wendungen nimmt mit unvorhersehbaren Eingriffen des unerklärlichen Grauens. Aber auch die restlichen Erzählungen des Bandes können überzeugen, eine vorzügliche Sammlung teils sehr unbekannter Geschichten.



Daher kann ich auch eine Kritik des Buches, die ich kurz nach Erscheinen 1988 irgendwo gelesen hatte, im Nachhinein erst recht nicht verstehen, dort wurde beklagt, daß man sich in der "Phantastischen Bibliothek" bei Suhrkamp nichts mehr traut und statt aktueller Autoren günstigen, da aufgrund des Alters rechtefreien Texten den Vorzug gibt. Auch wenn einige der hier versammelten Werke schon anderweitig erschienen sein mögen, gab es viele davon vorher nicht in deutscher Übersetzung, wie ich auch Verständnis dafür habe, daß aufgrund des Nischencharakters vieler Bände aus der "Phantastischen Bibliothek" hier auch mal bewußt Kosten eingespart wurden. Vor einigen Jahren wurde die Reihe vermutlich wegen zu niedrigen Verkaufszahlen ja komplett eingestellt, was schon ein herber Verlust für die Liebhaber anspruchsvoller Phantastik in Deutschland war - ich könnte jetzt keine andere Reihe nennen, in der eine so hohe Anzahl persönlicher Lieblingsbücher erschienen sind.

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Sonntag, 27. April 2014
Richard Laymon: Night in the Lonesome October
Besonders viel zeitgenössische Literatur lese ich abseits meiner noch lebenden Lieblingsautoren Eugen Egner und Thomas Ligotti nicht unbedingt, als aber beim letzten Hofbauer-Kongress bei einem Tischgespräch die Rede zufällig auf Richard Laymon kam, dachte ich: Hmm, nie gehört, könnte ich aber für zwischendurch mal anprobieren. Top-Aktuell ist der Mann wohl auch nicht, da bereits 2001 verstorben und im selben Jahr erschien auch dieser Roman: Erzähler ist der junge Student Ed, der von Liebeskummer geplagt nachts durch die Stadt läuft und dort auf ein merkwürdiges Mädchen trifft, das eine eigenartige Faszination auf ihn ausübt. Doch auch andere Gestalten treiben sich nachts in der Stadt herum, und die meisten sind nicht sehr lieblich...



Ich hatte anfangs ein paar Probleme, in das Buch reinzukommen, da der Erzähler mir nicht sehr sympathisch dünkte, aber das muß ja auch nicht immer sein. Hier und dort hingeworfene sleazige Details hielten mich aber an der Stange und so las sich das Ganze recht flüssig durch - am Besten gefiel mir daran, daß einige der merkwürdigeren Geschehnisse eher offen bleiben und nicht zu Tode erklärt werden. Ein Lieblingsautor wird Laymon bei mir wohl nicht werden, aber bereut habe ich die Lektüre auch keineswegs.

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Donnerstag, 27. März 2014
Oscar A. H. Schmitz: Haschisch
Man könnte ja meinen, daß es kein gutes Urteil über ein Buch ist, wenn sich am Schluß herausstellt, daß das Vorwort das Beste ist. Das liegt hier aber keinesfalls daran, daß der Inhalt schlecht wäre, das Vorwort ist einfach nur sehr erstaunlich. Verfasst für eine Neuauflage des Buches im Jahr 1913 gibt der Autor zu bedenken, daß er die enthaltenen Erzählungen zwischen 1897 und 1900 verfasst hat, also "lange bevor der Satanismus in Deutschland Mode war". Er rechtfertigt sich anschließend gegen Angriffe, seine Kunst würde gegen Religion und Sittlichkeit verstoßen. Es sei ja auch nur für gebildete, erwachsene Männer gedacht, weder für Kinder, noch für Frauen - man könnte es höchstens der Geliebten, "deren Los ist, außerhalb der Schranken der gesellschaftlicher Moral in wilder Anmut zu blühen, auf den Toilettentisch legen." Für Schwestern, Töchter und Ehefrauen ist das Buch hingegen überhaupt nicht geeignet.



Selbstverständlich teile ich diese Aussagen nicht, aber der Stil, in dem diese 100 Jahre alte Einstellung vorgetragen werden, ist höchst amüsant. Mein Blog darf freilich auch weiterhin von jungen Frauen gelesen werden, sollte es sogar! Nun aber zu den Erzählungen selbst: Es handelt sich nicht um Drogenliteratur per se, der Titel beschreibt mehr oder weniger nur den Rahmen, einen Haschischclub, in dem die verschiedenen Mitglieder Geschichten aus unterschiedlichen Jahrhunderten erzählen, die oft Erotik mit blasphemischen Ritualen verbinden, aber manchmal auch nur von seltsamen, rauschähnlichen Begebenheiten berichten. Besonders gut gefielen mir "Die Geliebte des Teufels", die eine anonyme Sex-Beziehung zwischen Unbekannten schildert, die ihre Gesichter nicht kennen und gegenseitig ihre Fantasien auf den Körper des anderen projizieren, sowie "Die Botschaft" und "Der Schmugglersteig", deren rätselhafte Ereignisse angenehm offen und ambivalent bleiben. Alle Schwestern, Töchter und Ehefrauen, die etwas für die Dekadenzliteratur des frühen 20. Jahrhundert übrig haben, sollten hier ruhig mal einen Blick hineinwerfen. Erwachsene Männer meinetwegen auch.

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Montag, 2. Dezember 2013
Walter de la Mare: Sankt Valentinstag
In den phantastischen Erzählungen des Autors finden kaum konkrete übernatürliche Ereignisse statt, sie werden meist nur angedeutet und es ist der Fantasie des Lesers überlassen, nach möglichen "Geschichten hinter der Geschichte" zu suchen. Was den Autor zudem auszeichnet, ist ein Gespür für eine merkwürdige, meist melancholische Stimmung, die in dieser Ausgabe kongenial von Edward Goreys Illustrationen eingefangen wird. "Seatons Aunt" war mir schon aus der Insel/Suhrkamp-Sammlung "Aus der Tiefe" bekannt und wurde - wie auch einige Stoffe von Edith Wharton - in der Serie "Shades of Darkness" sehr hübsch fürs britische Fernsehen adaptiert. Ansonsten gefiel mir persönlich die Titelerzählung am besten, aber gut sind die mal wieder alle. Da ich jetzt alle mir bekannten deutschen Übersetzungen der phantastischen Erzählungen des Autors durchhabe, werde ich mir demnächst wohl einige Originalausgaben vornehmen.

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Mittwoch, 7. August 2013
James Blish: Der Hexenmeister
Ah, diese 70er Jahre-Klappentexte, man muß sie einfach lieben:

"James Blish hat mit diesem Roman seinen internationalen Ruf, einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller zu sein, überzeugend bestätigt. Es ist eine satanische Erzählung, die einerseits authentische Informationen über die Schwarze Magie gibt, andererseits voll beissender Ironie steckt. Die intellektuell-brillante Verquickung von extrem Modernem mit Irrealem ist ungewöhnlich und reizvoll; es gibt in der Literatur dafür keinen Vergleich. Es ist ein Buch, das überraschende Schock-Pointen bereithält."



Nun habe ich noch nicht sehr viel von James Blish gelesen, um seine Bedeutung adäquat einzuschätzen, aber die "authentischen Informationen über die Schwarze Magie" stammen tatsächlich alle aus existierenden Quelltexten, nur hat der Autor davon für meinen Geschmack ein wenig viel eingebracht, so daß das Buch an diesen Stellen etwas fad gerät. Der Humor ist auch etwas zweischneidig: Der Plot um den Inhaber einer Rüstungsfirma, dem aus Profitgier künstlich geschürte Konflikte mit abertausenden von Toten als "Kick" nicht mehr genügen und der deshalb einen schwarzen Magier aufsucht, um größeres Unheil über die Menschheit säen zu können, ist gelungene, (leider) zeitlose Satire, aber einige platte Witze bei der Beschwörung von Dämonen ziehen das Niveau wieder etwas runter. Im Großen und Ganzen macht der Roman aber durchaus Spaß, wozu neben der konsequenten und kompromisslosen Entwicklung des Plots auch die Verballhornung real existierender Namen von Politikern und Schriftstellerkollegen beiträgt. Originär mit dem Titel "Black Easter" 1968 erschienen, schrieb Blish ein Jahr später die Fortsetzung "The Day After Judgement", deren deutsche Übersetzung ebenfalls 1974 bei Heyne erschien, allerdings in der Science Fiction-Reihe.

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Montag, 1. Juli 2013
Jonathan Carroll: Die panische Hand
Es war mal wieder Zeit für ein Buch von Jonathan Carroll, diesmal kein Roman, sondern eine Sammlung mit Erzählungen. Und auch diese präsentiert sich grundsympathisch, wenn auch ein paar Geschichten dabei waren, die mir weniger gut gefallen haben. Mit der Titelerzählung, "Mein Zündel", "Die Toten lieben dich" und "Freund des Menschen" gibt es auch zahlreiche Highlights. Der besondere Reiz in den Texten liegt an ihrer Unvorhersehbarkeit - und dabei geht es hier nicht um überraschende Pointen, obwohl es diese auch gibt - sondern um scheinbar normale Menschen in eher zurückhaltend geschilderten Alltagssituationen, die sich schleichend oder ganz plötzlich in etwas vollkommen anderes verwandeln können - aber nicht müssen. Sehr empfehlenswert, originell und eigenwillig!

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Mittwoch, 15. Mai 2013
Maurice Renard: Der Doktor Lerne
Uff, für dieses Buch habe ich ganz schon lange gebraucht, was wohl hauptsächlich mit meiner spärlichen Lesezeit zusammenhängt - wie hier ganz unten beschrieben las ich der lieben Kollegin Silvia schon Mitte März bei einer Zugfahrt aus dem Roman vor, aber erst jetzt habe ich ihn auch ausgelesen. Ein bißchen Schwierigkeiten bereitete mir auch der Stil und vor allem die eher ungewöhnlich gesetzte direkte Rede, die den Lesefluss ein wenig hemmte.



Maurice Renard war ein lange Zeit vergessener Pionier der Science Fiction-Literatur, der als Autor erst in den 60er Jahren wiederentdeckt wurde, wiewohl er mit Les Mains d'Orlac eine beliebte Vorlage für einige Horrorfilme schuf, von denen vor allem Karl Freunds Mad Love durch die großartige Performance Peter Lorres zum Klassiker wurde. Transplantation ist auch hier Thema, aber es sind hier nicht nur die Hände, sondern alle möglichen Körperteile, und sie werden nicht nur von einem Menschen auf den anderen transplantiert: Verblüffend für einen Roman von 1908 fand ich zum Beispiel, daß der Ich-Erzähler zwei Kapitel erzählt, während sich sein Gehirn im Körper eines Stiers befindet. Auch sonst finden sich in der Geschichte noch zahlreiche erstaunliche Elemente, die ihrer Zeit durchaus voraus waren. Renards drei Jahre später entstandener Die blaue Gefahr (in Suhrkamps "Phantastischer Bibliothek" erschienen) gefiel mir alles in allem aber noch etwas besser, obwohl da kein böser deutscher Doktor namens Klotz vorkam.

Die oben abgebildete Taschenbuchausgabe aus dem Rowohlt-Verlag, die ich kurz vor Weihnachten 1987 aus der Ramschkiste der Mayerschen rettete (der Kassenbon lag noch drin) verfügt übrigens über sehr eigenwillige Illustrationen von Armin Stähle, die man nicht missen sollte, auch wenn sie die sexuellen Untertöne der Geschichte vielleicht etwas überbetonen.

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