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Freitag, 11. Juni 2010
Un soir, un train
hypnosemaschinen, 21:59h
Ein Abend, ein Zug, Belgien/Frankreich 1968, Regie: André Delvaux

Obwohl er Linguistik-Professor ist, hat Mathias (Yves Montand) so seine Probleme mit der Kommunikation: Weder führt er seine Vorlesungen richtig zu Ende, noch Unterhaltungen mit seinen Studenten oder seiner Geliebten Anne (Anouk Aimée), die es als Französin im flämisch dominierten Leuven eh schon schwer genug hat. Als sie ihn auf der Reise zu einem Gastvortrag begleitet, verschwindet sie plötzlich aus dem Abteil, nachdem Mathias kurz eingenickt war. Anschließend hält der Zug aus unerfindlichen Gründen auf offener Strecke – zusammen mit einem anderen Professor und einem Studenten steigt er aus, und sieht sich kurze Zeit später in einer trostlosen Sumpflandschaft ausgesetzt, da der Zug ohne sie weiterfährt. Immerhin gelangen sie während der Nacht noch in eine nahegelegene Ortschaft, doch es ist ihnen unmöglich, sich den merkwürdig gebärenden Bewohnern verständlich zu machen...

Ein Film über Liebe und Tod, voller Doppelungen, Rätseln und Verweisen auf die bildende Kunst. War ich in der ersten Hälfte noch etwas irritiert, wo das alles hinführen soll, konnte mich die stimmungsvolle zweite Hälfte jedoch sehr stark fesseln. Vor allem die Szenen in der merkwürdigen Ortschaft sind von einer irrealen Atmosphäre mit melancholischen Zügen geprägt, die mich an De Komst van Joachim Stiller erinnert hat, was insofern nicht verwunderlich ist, als daß beide Filme nach literarischen Vorlagen von Vertretern der belgischen Spielart des magischen Realismus entstanden sind. (Mit dem ebenfalls sehr sehenswerten De man die zijn haar kort liet knippen hatte Delvaux bereits drei Jahre zuvor einen Stoff von Johan Daisne verfilmt.) Ein rätselhafter, faszinierender Film, der bei wiederholter Sichtung bestimmt noch weitere Façetten offenbart. Zusätzlich erfreut war ich über Michael Gough, der in einer der vielen Rückblenden einen exzentrischen Londoner Fremdenführer spielt - mit dem hatte ich hier überhaupt nicht gerechnet. Die bizarre Tanzszene wurde übrigens von Fabrice Du Welz in seinem fabelhaftem Calvaire deutlich zitiert und kommt noch um einiges grotesker daher.


Obwohl er Linguistik-Professor ist, hat Mathias (Yves Montand) so seine Probleme mit der Kommunikation: Weder führt er seine Vorlesungen richtig zu Ende, noch Unterhaltungen mit seinen Studenten oder seiner Geliebten Anne (Anouk Aimée), die es als Französin im flämisch dominierten Leuven eh schon schwer genug hat. Als sie ihn auf der Reise zu einem Gastvortrag begleitet, verschwindet sie plötzlich aus dem Abteil, nachdem Mathias kurz eingenickt war. Anschließend hält der Zug aus unerfindlichen Gründen auf offener Strecke – zusammen mit einem anderen Professor und einem Studenten steigt er aus, und sieht sich kurze Zeit später in einer trostlosen Sumpflandschaft ausgesetzt, da der Zug ohne sie weiterfährt. Immerhin gelangen sie während der Nacht noch in eine nahegelegene Ortschaft, doch es ist ihnen unmöglich, sich den merkwürdig gebärenden Bewohnern verständlich zu machen...

Ein Film über Liebe und Tod, voller Doppelungen, Rätseln und Verweisen auf die bildende Kunst. War ich in der ersten Hälfte noch etwas irritiert, wo das alles hinführen soll, konnte mich die stimmungsvolle zweite Hälfte jedoch sehr stark fesseln. Vor allem die Szenen in der merkwürdigen Ortschaft sind von einer irrealen Atmosphäre mit melancholischen Zügen geprägt, die mich an De Komst van Joachim Stiller erinnert hat, was insofern nicht verwunderlich ist, als daß beide Filme nach literarischen Vorlagen von Vertretern der belgischen Spielart des magischen Realismus entstanden sind. (Mit dem ebenfalls sehr sehenswerten De man die zijn haar kort liet knippen hatte Delvaux bereits drei Jahre zuvor einen Stoff von Johan Daisne verfilmt.) Ein rätselhafter, faszinierender Film, der bei wiederholter Sichtung bestimmt noch weitere Façetten offenbart. Zusätzlich erfreut war ich über Michael Gough, der in einer der vielen Rückblenden einen exzentrischen Londoner Fremdenführer spielt - mit dem hatte ich hier überhaupt nicht gerechnet. Die bizarre Tanzszene wurde übrigens von Fabrice Du Welz in seinem fabelhaftem Calvaire deutlich zitiert und kommt noch um einiges grotesker daher.

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Freitag, 11. Juni 2010
Robert Aickman: Glockengeläut / Schlaflos
hypnosemaschinen, 01:44h
Die Anfang der Neunziger im Kölner DuMont-Verlag erschienene "Bibliothek des Phantastischen" brachte es leider nur auf 12 Bände, die aber bedenkenlos alle gekauft werden können. Darunter finden sich auch zwei Sammlungen mit Erzählungen eines meiner Lieblingsautoren, auf die ich hier noch einmal gesondert hinweisen möchte. Robert Aickman (1914-1981) führt die Tradition der britischen Gespenstergeschichte fort, wenn auch auf sehr eigene Art und Weise. Anteile der Überväter Sheridan Le Fanu und M. R. James sind zwar noch zu erkennen, doch der Autor arbeitet noch mehr als beispielsweise Walter de la Mare mit Leerstellen, häufig werden die übernatürlichen Ereignisse nicht konkretisiert, aber sie scheinen dank der erzeugten Atmosphäre im Raum zu schweben - ganz sicher kann man sich selten sein, was den Erzählungen eine eigene Qualität des Unheimlichen verleiht. "Glockengeläut" ist die bekannteste Erzählung des Autors und auch eine seiner besten, während mir im anderen Band besonders "Die Züge" und "Im Sanatorium der Schlaflosen" gefallen haben. Auf Englisch ist im Jahr 2008 glücklicherweise auch eine Taschenbuch-Gesamtausgabe erschienen, wenn man vorher seinen Aickman komplett haben wollte (und da gibt es noch einiges zu entdecken), mußte man ganz schön tief in die Tasche greifen.
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Sonntag, 6. Juni 2010
Macario
hypnosemaschinen, 23:43h
Mexiko 1960, Regie: Roberto Gavaldón

Der arme Holzfäller Macario ist zwar ein wenig einfältig, hat aber ein Herz aus Gold. Da er ständig mit ansehen muß, wie sich seine Arbeitgeber die Bäuche mit allerlei Köstlichkeiten vollschlagen, während seine eigenen Kinder ihn mit hungrigen Augen anstarren, fasst er einen Entschluß: Er will so lange keinen Bissen mehr zu sich nehmen, bis er sich richtig satt essen kann. Seine verzweifelte Frau ergreift dann die Gelegenheit, einen Truthahn zu stehlen, um diesen ihrem Mann zu schenken. Als Macario ihn jedoch morgens im Wald alleine verzehren will, begegnen ihm seltsame Fremde, die ihn um einen Anteil bitten...

Und das ist gerade mal der Anfang dieser wundervollen Geschichte voller Warmherzigkeit und Fantasie. Die recht allegorische Vorlage von B. Traven wird in eindrucksvolle Bilder verpackt und von einem tollen Ensemble dargeboten. Zu meckern gibt es hier nichts!


Der arme Holzfäller Macario ist zwar ein wenig einfältig, hat aber ein Herz aus Gold. Da er ständig mit ansehen muß, wie sich seine Arbeitgeber die Bäuche mit allerlei Köstlichkeiten vollschlagen, während seine eigenen Kinder ihn mit hungrigen Augen anstarren, fasst er einen Entschluß: Er will so lange keinen Bissen mehr zu sich nehmen, bis er sich richtig satt essen kann. Seine verzweifelte Frau ergreift dann die Gelegenheit, einen Truthahn zu stehlen, um diesen ihrem Mann zu schenken. Als Macario ihn jedoch morgens im Wald alleine verzehren will, begegnen ihm seltsame Fremde, die ihn um einen Anteil bitten...

Und das ist gerade mal der Anfang dieser wundervollen Geschichte voller Warmherzigkeit und Fantasie. Die recht allegorische Vorlage von B. Traven wird in eindrucksvolle Bilder verpackt und von einem tollen Ensemble dargeboten. Zu meckern gibt es hier nichts!

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