Mittwoch, 10. November 2010
Štićenik
Jugoslawien 1973, Regie: Djordje Kadijevic



Ein junger Mann flüchtet durch eine karge Einöde, scheinbar auf der Flucht vor einem in Schwarz gekleideten Mann. In einem großen Haus mitten im Nirgendwo findet er schließlich Unterschlupf – dieses stellt sich bald als Nervenheilanstalt heraus. Der Oberarzt möchte dem Flüchtling helfen und gewährt ihm Asyl, scheint dieser doch immense Angst vor seinem Verfolger, der sich beim Arzt als sein „Aufseher“ vorstellt, zu haben. So richtig schlau wird aber auch der Doktor nicht aus seinem unverhofftem neuen Patienten...



Was war denn da los, 1973 in Jugoslawien? Da dreht ein Regisseur drei Literaturverfilmungen für's Fernsehen und jede einzige ist ein bemerkenswert originelles Kleinod des unheimlichen Films mit einer einzigartigen Atmosphäre. Was noch viel mehr verblüfft: Die drei Filme haben zwar das ein oder andere stilistische Merkmal gemein, sind aber ansonsten vollkommen unterschiedlich ausgefallen und bedienen sich jeweils verschiedener Spielarten der Phantastik. Štićenik dürfte von den dreien wohl der parabelhafteste, symbolischste sein, hier dominiert das Rätselhafte und nichts wird ausformuliert, stattdessen kann der Zuschauer sich vollkommen selbst ausmalen, was es mit dem jungen Mann und seinem finsteren “Aufseher” auf sich hat, und eine ausgeklügelte überstilisierte Bildkomposition nach der nächsten bestaunen. Auch hier hatte ich Schwierigkeiten, mich für drei Screenshots zu entscheiden. Einer der Lieblingsfilme Kadijevics muß wohl Dreyers Vampyr sein, erinnerten doch auch die Kamerafilter, die Ausleuchtung der Innenaufnahmen und die Schattenspiele bei Devicanska Svirka daran – während dieser aber noch eine Geschichte erzählte, die zahlreiche Gothic-Elemente originell variierte, haben wir es hier fast schon mit einer Nicht-Geschichte zu tun, die alleine durch die Bilder funktioniert. Die Musik und die Darsteller tragen freilich auch einiges dazu bei. Umwerfend! Und es freut mich, daß mein Review zum dritten Film im Bunde – dem wohl bekanntesten und wieder vollkommen anders ausgefallenen Leptirica – der mit Abstand meistgelesenste Eintrag in diesem Blog ist, denn das zeigt, daß die Filme keineswegs vergessen sind und durchaus auch heutzutage noch auf Interesse stoßen. Zu Recht.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Samstag, 6. November 2010
Et mourir de plaisir
...und vor Lust zu sterben / Blood and Roses, Frankreich/Italien 1960, Regie: Roger Vadim



In einer Woche will Leopoldo de Karnstein (Mel Ferrer) seine geliebte Georgia (Elsa Martinelli) heiraten, sehr zum Verdruß seiner Kusine Carmilla (Annette Vadim), die seit Kindheitstagen in ihn verliebt ist. In ihrer Trauer ist das sensible Mädchen immer mehr von der Geschichte ihrer Vorfahrin Millarca fasziniert, die ihr sehr ähnlich sieht und ein Vampir gewesen sein soll – nur wurde ihr Grab nie gefunden. Eine versehentliche Explosion deutscher Landminen während eines Feuerwerks zum Abschluß eines Maskenballs legt das Grab jedoch wieder frei und Carmilla ist die erste, die es findet...



Lange Zeit war die einzig verfügbare Kopie des Films die amerikanische VHS-Kassette, deren Bild leider auf 4:3 getrimmt wurde. Vor kurzem ist eine Kopie der französischen Originalversion in Scope aufgetaucht, die zwar aufgrund manchmal abgeschnittener Köpfe am rechten Bildrand auch nicht ganz richtig zu sein scheint, aber immerhin von den prächtigen Bildkompositionen einiges mehr zeigt als mir bislang bekannt. Allerdings handelt es sich bei dieser Version auch um einen vollkommen anderen Schnitt: Die Traumsequenz, die mich bei der Erstsichtung vor ca. 10 Jahren am tiefsten beeindruckte, fehlt hier bis auf eine kurze Sequenz komplett. Dafür setzt diese Version mehr auf Ambivalenz, denn die plakativen Voiceovers von Millarca aus dem Grab, die wohl Carmillas Verhalten im Verlauf des Films „erklären“ sollen, fehlen hier ebenfalls, stattdessen gibt es hier nur Musik und Annette Stroybergs Mimik, die man selbst interpretieren kann. Auf welcher der beiden Versionen die noch seltenere deutsche Fassung des Films beruht, habe ich noch nicht herausfinden können.



Neben einer Transponierung der klassischen Vorlage von Sheridan Le Fanu in die Gegenwart nimmt Vadim auch weitere Veränderungen des Stoffes vor, die aber durchaus legitim scheinen. Der Horror ist hier etwas zurückgedreht, ebenfalls die lesbischen Untertöne, stattdessen wird die Tragik der Carmilla-Figur akzentuiert. Das kann man schon so machen, wenn es wie hier durch eine von Bild und Musik geschaffene passende Atmosphäre begleitet wird. Laut Filmdienst ließ sich Vadim für diesen Film von Dreyer und Cocteau inspirieren, ich möchte aber mal wetten, daß er auch den ein oder anderen Hammer-Film gesehen hat. Die Jungs von der Insel entdeckten den Stoff mit The Vampire Lovers allerdings erst 10 Jahre später für sich.



Wenn auch nicht die optimale Bearbeitung der Vorlage (auf die warte ich, trotz zahlreicher gelungener Adaptionen, immer noch), so doch ein sehr schöner und stimmungsvoller Film, der ja ruhig mal, wie so viele andere, auf DVD erscheinen könnte. Was die Traumsequenz betrifft, die hat freundlicherweise jemand bei youtube hochgeladen - wurde aber in der Zwischenzeit gelöscht. Hier stattdessen jetzt der Trailer:

... link (3 Kommentare)   ... comment


Mittwoch, 3. November 2010
W starym dworku czyli niepodleglosc trójkatów
The Old Country House, or: The Independence of Triangles, Polen 1985, Regie: Andrzej Kotkowski



Als ein reicher Gutsherr seine wunderschöne Frau Anastazja mit seinem Sohn aus erster Ehe im Gebüsch erwischt, erschießt er sie kurzerhand. Sein Sohn haßt ihn nun noch mehr als zuvor, doch es scheint sich alles wieder ein wenig einzurenken, als die jüngst verwitwete Kusine Aneta Wesiewiczowna-Nevermore (!) einzieht, um die frei gewordene Mutterrolle zu übernehmen. Beim ersten gemeinsamen Abendessen erscheint jedoch auch Anastazja aus dem Nichts und gibt preis, daß sie auch mit dem langweiligem Buchhalter Ignatz ein Verhältnis hatte. Kurze Zeit später verführt sie ihre kleinen Töchter dazu, Selbstmord zu begehen. Jetzt hat auch der Sohn von dem Weibsbild genug und er verfolgt sie nachts in den Wald, um sie erneut zu erschießen. Während sie noch verblutet, kriecht aus dem Waldboden ein junger Mann, der sich wiederum als sein Sohn ausgibt...



Verfilmungen von Theaterstücken müssen ja immer ein wenig auf der Hut sein, nicht zu fad und dialoglastig zu werden – wobei die absurden Vorlagen des Drogenfreundes Stanisław Ignacy Witkiewicz, wie man der obigen Zusammenfassung des ersten Drittel des Films entnehmen kann, nicht unbedingt Gefahr laufen, langweilig zu werden. Trotzdem haut man hier in Sachen filmischer Mittel in die Vollen, vor allem die Ausleuchtung ist absolut grandios und deutlich von den Filmen des leider immer noch zu unbekannten Meisterregisseurs Wojciech Has beeinflusst. Einige der Darsteller, wie Gustaw Holoubek oder Beata Tyszkiewicz, hat man auch schon in dessen Filmen gesehen. Was die Verwendung surrealer und phantastischer Elemente betrifft, geht man hier allerdings andere Wege: Zwar gibt es auch zahlreiche Schnittstellen zu philosophischen Betrachtungen, aber was bei Has oft in Trauer mündet, kommt hier als beißende Satire daher, die an Buñuels Spätwerk erinnert. Die Figuren sind zwar kurz verwundert, wenn ein Gemälde zum Leben erwacht, ein Geist erscheint, oder ein Student aus der Erde kriecht, nehmen es aber dann einfach hin, daran ändern können sie scheinbar doch nichts. Weitere Erschießungsversuche der anstrengenden Anastazja geraten dann auch zur reinen Triebabfuhr, sie kommt ja doch immer wieder. Ich persönlich hätte mir aufgrund der zahlreichen gelungenen atmosphärischen Sequenzen hier einen etwas ernsteren unheimlichen Film gewünscht, aber auch so kann sich das Werk durchaus sehen lassen.

... link (0 Kommentare)   ... comment