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Freitag, 13. Juni 2014
Live-Audiokommentar XXXVI: Die Gedanken sind Brei
hypnosemaschinen, 03:36h

Wer während der WM meint, zu viele Bälle im Kopf zu haben, kann diesen frei machen und in der Raststätte zu Aachen einem Gehirnreinigenden Überraschungsfilm fröhnen, der live kommentiert wird. Gast ist zum zweiten Mal Harald Mingers, wandelndes Filmlexikon des Aachener Filmhaus e.V.
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Sonntag, 8. Juni 2014
Rendezvous in Bray
hypnosemaschinen, 03:02h
Rendez-vous à Bray, Belgien/Frankreich/Deutschland 1971, Regie: André Delvaux

Paris 1917: Als Luxemburger ist der Pianist Julien (Mathieu Carrière) nicht verpflichtet, am Weltkrieg teilzunehmen, wird aber aufgrund seines Akzents immer häufiger für einen deutschen Spion gehalten. Er erhält eine Einladung seines französischen Freunds Jacques, ihn während eines Fronturlaubs in seiner Villa auf dem Land zu besuchen. Die kleine Ortschaft ist selbst für Kriegsverhältnisse merkwürdig menschenleer, und auch von seinem Freund ist keine Spur zu sehen, nur ein schönes, aber wortkarges Hausmädchen (Anna Karina) empfängt den Gast...

Zwischen Un soir, un train und Belle entstanden, evoziert Delvaux auch hier eine eigenartige, irreale Stimmung, die nicht durch konkrete übernatürliche Ereignisse unterfüttert wird und keine eindeutige Erklärung erfährt - wie die weißen Flecken in den zu Kriegszeiten zensierten Zeitungen kann der Rezipient selbst über ihre Bedeutung mutmaßen. Dabei kann man sich durchaus von den geschickt verschachtelten Verweisen auf Literatur, Musik, bildende Kunst und Film leiten lassen, die geboten werden: Basierend auf der Novelle "La roi cophutea" von Julien Gracq, die ihrerseits von Gemälden aus dem 19. Jahrhundert inspiriert wurde, die eine alte Legende aufgriffen, ist King Cophetua and the Beggar Maid von Edward Burne-Jones auch im Film zu sehen und scheint Vorbild für dessen Lichtsetzung gewesen zu sein.

Dann gibt es auch noch Verweise auf das Kino der Handlungszeit: Neben Kreisblenden werden in einer Rückblende, die Julien als Stummfilmpianist zeigen, auch komplette Sequenzen aus Feuillades Fantômas in den Film integriert. Carrière, der durch seine öffentlichen Auftritte nicht unbedingt Sympathiepunkte sammelt, ist mit seinem reduziertem Spiel auch hier ziemlich perfekt in seiner Rolle, wird aber freilich von Anna Karina überstrahlt. In einer Nebenrolle sorgt Bulle Ogier für comic relief, als sie minutenlang versucht, auf einer vornehmen Feier mit nur einer freien Hand ein Stück Geflügel standesgemäß zu verspeisen. Vielen Dank, Monsieur Delvaux, ihre eigenartige Filmkunst vermag mich immer wieder zu begeistern.


Paris 1917: Als Luxemburger ist der Pianist Julien (Mathieu Carrière) nicht verpflichtet, am Weltkrieg teilzunehmen, wird aber aufgrund seines Akzents immer häufiger für einen deutschen Spion gehalten. Er erhält eine Einladung seines französischen Freunds Jacques, ihn während eines Fronturlaubs in seiner Villa auf dem Land zu besuchen. Die kleine Ortschaft ist selbst für Kriegsverhältnisse merkwürdig menschenleer, und auch von seinem Freund ist keine Spur zu sehen, nur ein schönes, aber wortkarges Hausmädchen (Anna Karina) empfängt den Gast...

Zwischen Un soir, un train und Belle entstanden, evoziert Delvaux auch hier eine eigenartige, irreale Stimmung, die nicht durch konkrete übernatürliche Ereignisse unterfüttert wird und keine eindeutige Erklärung erfährt - wie die weißen Flecken in den zu Kriegszeiten zensierten Zeitungen kann der Rezipient selbst über ihre Bedeutung mutmaßen. Dabei kann man sich durchaus von den geschickt verschachtelten Verweisen auf Literatur, Musik, bildende Kunst und Film leiten lassen, die geboten werden: Basierend auf der Novelle "La roi cophutea" von Julien Gracq, die ihrerseits von Gemälden aus dem 19. Jahrhundert inspiriert wurde, die eine alte Legende aufgriffen, ist King Cophetua and the Beggar Maid von Edward Burne-Jones auch im Film zu sehen und scheint Vorbild für dessen Lichtsetzung gewesen zu sein.

Dann gibt es auch noch Verweise auf das Kino der Handlungszeit: Neben Kreisblenden werden in einer Rückblende, die Julien als Stummfilmpianist zeigen, auch komplette Sequenzen aus Feuillades Fantômas in den Film integriert. Carrière, der durch seine öffentlichen Auftritte nicht unbedingt Sympathiepunkte sammelt, ist mit seinem reduziertem Spiel auch hier ziemlich perfekt in seiner Rolle, wird aber freilich von Anna Karina überstrahlt. In einer Nebenrolle sorgt Bulle Ogier für comic relief, als sie minutenlang versucht, auf einer vornehmen Feier mit nur einer freien Hand ein Stück Geflügel standesgemäß zu verspeisen. Vielen Dank, Monsieur Delvaux, ihre eigenartige Filmkunst vermag mich immer wieder zu begeistern.

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Sonntag, 1. Juni 2014
El escapulario
hypnosemaschinen, 03:21h
Mexiko 1968, Regie: Servando González

Am Vorabend der mexikanischen Revolution wird der Priester zu einer sterbenden Frau gerufen. Diese erzählt ihm die Geschichte eines Skapuliers (gesegnetes Bild, das man um den Hals trägt), welches ihren Söhnen mehrfach das Leben rettete: Der eine desertierte aus der Armee, um sich den Rebellen anzuschließen, der andere verliebte sich in eine Frau höheren Standes, was zu diesen Zeiten ebenfalls einem Aufstand nahekam...

Weniger ein Horrorfilm, eher ein Vertreter des lateinamerikanischen magischen Realismus, der zwar nicht ganz so beeindruckend ausgefallen ist wie die vergleichbaren Macario oder Pedro Páramo, aber doch sehr hübsch anzusehen ist. Das geht von den schattigen Studiosets der Rahmenhandlung über das neblige Gefangenlager der ersten Episode bis zu der gespenstischen Szene unterm Galgen in der zweiten Episode, die dann auch ein wenig an Die Handschrift von Saragossa erinnerte.


In der zweiten Episode gibt es neben dem komischen Element eines Onkels, der, obwohl man ihm die Zunge herausgeschnitten hat, nach dem ein oder anderen Tequila dennoch die abenteuerlichsten Geschichten von sich geben kann, auch eine etwas kitschige Animations-Sequenz, der man aber auch nicht böse sein kann.





Ein wie viele seiner Art in Vergessenheit geratener, aber sehr schöner Film, der mit seinem Fokus auf "die einfachen Leute" auch noch zeitlose politische Statements abliefert und einen Einblick in die mexikanische Geschichte ermöglicht.


Am Vorabend der mexikanischen Revolution wird der Priester zu einer sterbenden Frau gerufen. Diese erzählt ihm die Geschichte eines Skapuliers (gesegnetes Bild, das man um den Hals trägt), welches ihren Söhnen mehrfach das Leben rettete: Der eine desertierte aus der Armee, um sich den Rebellen anzuschließen, der andere verliebte sich in eine Frau höheren Standes, was zu diesen Zeiten ebenfalls einem Aufstand nahekam...

Weniger ein Horrorfilm, eher ein Vertreter des lateinamerikanischen magischen Realismus, der zwar nicht ganz so beeindruckend ausgefallen ist wie die vergleichbaren Macario oder Pedro Páramo, aber doch sehr hübsch anzusehen ist. Das geht von den schattigen Studiosets der Rahmenhandlung über das neblige Gefangenlager der ersten Episode bis zu der gespenstischen Szene unterm Galgen in der zweiten Episode, die dann auch ein wenig an Die Handschrift von Saragossa erinnerte.


In der zweiten Episode gibt es neben dem komischen Element eines Onkels, der, obwohl man ihm die Zunge herausgeschnitten hat, nach dem ein oder anderen Tequila dennoch die abenteuerlichsten Geschichten von sich geben kann, auch eine etwas kitschige Animations-Sequenz, der man aber auch nicht böse sein kann.





Ein wie viele seiner Art in Vergessenheit geratener, aber sehr schöner Film, der mit seinem Fokus auf "die einfachen Leute" auch noch zeitlose politische Statements abliefert und einen Einblick in die mexikanische Geschichte ermöglicht.

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