Freitag, 5. März 2010
König Stachs wilde Jagd
Dikaya ochoty Korolja Stacha, Sowjetunion 1979, Regie: Waleri Rubintschik



Trotz einiger klassischen unheimlichen Motive handelt es sich hier nicht wirklich um einen Horrorfilm, für einen Märchenfilm kommt das Ganze aber auch wesentlich zu erwachsen daher. Was den Film ziemlich heraushebt, ist seine Stimmung, die man zwar düster und melancholisch nennen könnte, aber hauptsächlich einfach „traurig“ zu sein scheint. Ein Student flüchtet sich während eines Unwetters auf ein abgelegenes Schloß und verliebt sich in die höchst zerbrechlich wirkende Schloßherrin. Bald kommen ihm auch die Geschichten zu Ohren, die sich um die Familie seiner Liebsten, das Schloß und den Sumpf drumherum ranken, und kurze Zeit später erfährt er sie bereits an eigenem Leibe...



Die rationale Auflösung ist zwar etwas enttäuschend, aber in Anbetracht von Enstehungsland und –zeit nicht sehr verwunderlich, nichtsdestotrotz verbreitet der Film über seine gesamte Laufzeit eine wundervolle traumähnliche Atmosphäre. Bei Innen- und Außenaufnahmen dominieren Brauntöne und die Kamerafrau nutzt zwar zuweilen recht plakative Mittel, macht aber einen feinen Job. Vor allem die Szene, in der der durch eine trostlose Landschaft wandernde Protagonist zum ersten Mal auf die „wilde Jagd“ trifft, ist zwar recht einfach gestaltet, aber verdammt effektiv. Und es gibt einige Sequenzen, die sich der möglicherweise oktroyierten Rationalität zu widersetzen scheinen – relativ zu Anfang sehen wir die Schloßherrin vollkommen nackt auf dem Speicher in einem Meer von weißen Hühnerfedern, während ihre Magd Beschwörungsformeln aufsagt. Ein Film, in den man versinken kann.

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Freitag, 5. März 2010
Alexander Moritz Frey: Spuk des Alltags
Die ambitionierte Reihe "Edgar Allan Poes phantastische Bibliothek" liefert hiermit eine lohnenswerte Ausgrabung eines zu Unrecht übersehenen Autoren der Weimarer Zeit. Anders als der vor einigen Jahren noch von Suhrkamp erhältliche, auch heutzutage noch höchst amüsante anarchische Science Fiction-Roman „Solneman, der Unsichtbare“, schlagen diese Erzählungen, wenn auch teilweise noch im Grotesken verankert, einen wesentlich düstereren Ton an. Über allem schwebt der Schatten E.T.A. Hoffmanns, dessen Mischung aus Spott über die bürgerliche Gesellschaft und morbiden Motiven hier eine Fortführung unter moderneren Vorzeichen erfährt. Dies funktioniert in der Mischung sehr gut, aber auch losgelöst voneinander: Die Erzählung „Verwirrung“ berichtet lakonisch-schwarzhumorig vom Ableben eines Zeitungsausträgers, der aufgrund eines Mißverständnisses von einem Mob zu Tode gehetzt wird, während „Verwesung“ der manische Bericht eines Jugendlichen ist, der seine Eltern umbringt und aus Angst vor Entdeckung sich mehrere Wochen mit den Leichen zusammen in der Wohnung verbarrikadiert. Überhaupt wird häufig aus der Perspektive von Kriminellen und Verwirrten erzählt, wobei deutlich wird, daß auch Poe ein entscheidender Einfluß auf Freys Prosa war. Doch trotz dem Hang zum Grotesken und Überzeichneten gelingt es dem Autor gleichfalls über weite Strecken, eine durchaus unheimliche Atmosphäre aufzubauen. Vor allem die Erzählung „Verzweiflung“ ist eine Horrorgeschichte reinsten Wassers, die das Zeug zum Klassiker hat und wohl auch einer geworden wäre, hätte man den Autor nicht so sträflich vernachlässigt. Um so lobenswerter, daß diese Sammlung jetzt wieder erhältlich ist, mit einem informativem Nachwort und den Original-Illustrationen von 1920 versehen.

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Montag, 1. März 2010
Tony
GB 2009, Regie: Gerard Johnson



Arbeitslos vegetiert Tony im Norden Londons so vor sich hin. Da er kein Geld für einen DVD-Player hat und auch ein wenig das Zeitgefühl verloren zu haben scheint, verbringt er die meisten Abende damit, VHS-Kassetten mit Actionfilmen anzuschauen. Manchmal geht er auch raus, Kontakt mit der Gesellschaft suchend. Die Leute im Arbeitsamt, Nachbarn und potentielle Arbeitgeber sind aber alles Arschlöcher. Dann und wann gelingt es ihm, einen jungen Mann mit nach Hause zu nehmen, den er dann meist ermordet, um mit der Leiche zusammen VHS-Kassetten mit Actionfilmen anzuschauen...



Als ich vor einigen Jahren Brian Masters' Buch „Killing for Company“ über den Fall des Serienmörders Dennis Nilsen las, dachte ich, diese Geschichte würde eine gute Basis für einen „etwas anderen“ Serienmörderfilm abgeben. Offensichtlich war ich nicht der einzige, der das dachte, denn bereits 1989 entstand mit Cold Light of Day eine Low-Budget-Verfilmung, die aber relativ schwer aufzufinden ist. Tony gibt sich zwar vollkommen als Fiktion aus, die Parallelen zum Fall Nilsen sind aber ziemlich offensichtlich. Die Gründe für diese Vorgehensweise mögen rechtlicher Natur gewesen sein, vielleicht nahm man auch absichtlich Modifikationen vor, um noch ein paar bittere humoristische Elemente einzustreuen, die hauptsächlich durch die Weltfremdheit der Titelfigur erzeugt werden, die sich z.B. beim Prostituiertenbesuch denkbar dämlich anstellt und bei anderen Gesprächen an den unpassendsten Momenten Actionfilme zitiert. Durch ein passendes Händchen für die richtigen Locations und den elegischen Score aus der Feder von „The The“ gelingt es dem Film aber, eine eindringliche Atmosphäre von Armut, Trostlosigkeit und Einsamkeit zu schaffen. Hauptdarsteller Peter Ferdinando, der manchmal ein wenig an Gary Oldman erinnert, ist ebenfalls hervorragend.

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