Donnerstag, 22. Januar 2015
14. Hofbauer-Kongress: Die 3. Nacht


Am späten Nachmittag versammelten sich zunächst einzelne Kongressteilnehmer in einem fränkischen Wirtshaus, um sich für das Abend- und Nachtprogramm zu stärken, ich zögerte zunächst ein wenig, wählte dann aber doch ein Gericht mit Sauerkraut, obwohl der Verzehr desselben meinen Körper manchmal dazu verleitet, am falschen Ende auszuatmen. Es ging aber alles gut, und so konnten sämtliche Sinne anschließend WO, WANN, MIT WEM? (Italien 1968, Regie: Antonio Pietrangeli) genießen, der nicht ganz so gespenstisch war wie der oben eingebettete Vorspann suggerieren vermag, seine Geschichte um eine Frau, die zwischen ihrem Ehemann und einem jungen Liebhaber (Horst Buchholz) hin- und hergerissen ist, aber die ganze Laufzeit über mit wunderschönen Bilder und Musik austattete. Schon wieder ein Lieblingsfilm!



Was tun, wenn die eigene Frau droht, die unkoscheren Geschäfte mit Drogen und Waffen, mit denen man so seinen Lebensunterhalt bestreitet, bei der Polizei anzuzeigen, um endlich ein ruhiges normales Leben zu führen? Die Antwort liegt auf der Hand: Man engagiert einen Nachtclub-Hypnotiseur, der sich einen Serien-Vergewaltiger vornimmt, der dann zufällig in einer einsamen Waldhütte auf die Gattin trifft. IM FIEBER DER LUST (Kanada 1967, Regie: Rudi Dorn, John Gaisford) bot sympathisches Schmuddelkino mit viel Brüsten, Overacting und liebenswert hirnrissigen Drehbucheinfällen, nur das Finale war vielleicht ein wenig zu sehr in die Länge gezogen. Was immerhin noch besser ist, als wenn sich der ganze Film in die Länge zieht, wie es beim folgenden "tristen Überraschungsfilm" KÄUFLICHE NÄCHTE (Italien 1962, Regie: Mino Loy) der Fall war: Eigentlich eine italienische Reportage über diverse Showacts in der ganzen Welt, wurden für die deutsche Fassung einige Kabarettisten (u.a. von der Münchner Lach- und Schießgesellschaft) zusammengetrommelt, die das ganze noch mit "witzigen" Kommentaren würzen sollten. Aber entweder haben die den Job für ein paar Mark schnell nebenbei durchgezogen, oder das deutsche Kabarett war zu dieser Zeit vom Niveau her nicht weit von einer Karnevalssitzung in Puffendorf entfernt. Da die Kabarettisten auch als sie selbst und nicht in irgendwelchen Rollen auftraten, kann man das auch nicht als "Meta-Satire" bewerten, und selbst wenn, waren die von diversen Rassismen durchzogenen Dialoge dann immer noch nicht lustig. Einzelne Showacts boten noch Lichtblicke, etwa die japanische Tänzerin, die sich so sehr verbiegen konnte, daß sie an einen Geist aus den Ju-On-Filmen erinnerte oder die Louis Prima-Band in Las Vegas mit enormen Entertainerqualitäten, aber das meiste tat einfach nur weh.



Nun war es so weit, daß ich in meinen Rucksack griff und dem Vorführer die Blu-ray von MARTINS FEUER (Deutschland 2013, Regie: Bruno Sukrow) überreichte, damit dieser zum ersten Mal außerhalb Aachens das Licht der Leinwand erblicken konnte. Ich war so aufgeregt, daß ich bei der Einführung mehrmals mitten im Satz den Faden verlor, wurde aber glücklicherweise durch den eloquenten Christian vom Kölner Filmclub 813 unterstützt. Und der Film, über den ich hier bereits geschrieben habe, war auf einer richtig großen Leinwand noch um einiges beeindruckender und er hat, wie erwartet, auch hier sein Publikum gefunden, was von Szenenapplaus an den richtigen Stellen unterstrichen wurde.

Aber da war noch Luft für mehr Überwältigung: Mit DU UND DEINE UMWELT wurde wohl der denkbar unfassbarste aller von der 1. Kongressnacht und aus dem Schulunterricht bekannten FWU-Filme projiziert. In mehreren Episoden greift hier ein Jugendlicher zu einem Wundergerät namens "Hilmi", welches beruhigende psychedelische Farben ausstrahlt, wenn es aktiviert wird. Es wird aber keinerlei Moral oder Erklärung dafür mitgeliefert. Sollte dieser Film jetzt vor Drogen warnen? Den Druck, unter dem zeitgenössische Teenager stehen, empathisch illustrieren? Plante da irgendjemand - auf äußerst subtile Weise - mittels Einführung des Hilmi-Films auf abendländischen Schulen die Jugend zu hypnotisieren und dadurch zur Weltherrschaft zu gelangen? Man wird es wohl nie erfahren.



Weniger rätselhaft erscheint hingegen die Motivation der Macher von BLUTJUNGE MÄDCHEN HEMMUNGSLOS (USA 1971, Regie: William Rotsler): Hier sollte mit möglichst viel nackten Tatsachen Kasse gemacht werden, und um noch ein anderes Zielpublikum ins Boot zu holen, wurde das ganze in einen Mafia-Plot verpackt. Diesem mangelt es zuweilen an Stringenz, bildet aber die Grundlage für einige ruppige Sprüche. Der Film sleazt kurzweilig vor sich hin und kulminiert in einer Sexszene, die partout nicht enden will - nach einem Schnitt auf eine externe Straßenszene meint man, es wär vorbei, aber nein, es geht weiter - auch nach einem zweitem, ähnlichen Schnitt...und nach einem dritten ebenfalls. Diese Vorgehensweise entfachte beim Publikum eine kollektive Hysterie, wie sie wohl nur bei Hofbauer-Kongressen möglich ist: Ungläubiges, sich stetig steigerndes Gelächter, Szenenapplaus bei jedem weiterem redundanten Schnitt, schlußendlich Bauchschmerzen vor Lachen, aber glücklich.



Damit aber nicht genug: Für die ganz Harten wurde jetzt noch der "Videoknüppel" ausgepackt, und es ward der 7. Teil einer beliebten Lykanthropen-Saga: HOWLING: NEW MOON RISING (GB 1995, Regie: Clive Turner) ist mehr oder weniger das Soloprojekt des australischen Regisseurs und Hauptdarstellers, der eine liebevolle Hommage an Bluegrass-Musik, Line-Dancing und Sitcoms vergangener Tage abliefert, ein paar Werwölfe kommen nebenbei auch vor, wurden aber hauptsächlich aus vorherigen Teilen der Serie hineingeschnitten. Das beeindruckende IMDb-Rating von 1,8 lässt sich möglicherweise nur dadurch erklären, daß die meisten Leute, die den Film bewerteten, tatsächlich einen ernsthaften Werwolf-Film erwartet haben und keine Countrymusik mögen. Dabei wird hier niemandem etwas vorgemacht, denn die meisten Figuren heißen im wirklichem Leben genauso. Und musikalisch ist man durchaus Innovationen zugeneigt und keineswegs altmodisch: Den Rhythmus für eine Nummer liefern die Darsteller mit den Reißverschlüssen ihrer Hosen (siehe Abbildung) - so etwas sollte Schule machen.

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