Montag, 28. Dezember 2015
Three Miles Up
GB 1995, Regie: Lesley Manning



Um sich nach Jahren der Entfremdung wieder etwas näher zu kommen, beschließen die Brüder John und Billy, eine gemeinsame Bootsfahrt durch das englische Hinterland zu unternehmen. Schon bald dämmert es ihnen, daß das keine so gute Idee gewesen ist, denn sie geraten erneut in heftigen Streit. Da finden sie eines Tages eine schlafende junge Frau am Flußufer...



Aufmerksam wurde ich auf diesen Beitrag zur BBC-Serie "Ghosts" durch die empfehlenswerte aktuelle Dokumentation Robert Aickman: Author of Strange Tales, in der unter anderem die Frage aufgeworfen wird, ob die Elizabeth Jane Howard zugeschriebene literarische Vorlage, die 1951 in der gemeinsam mit Robert Aickman veröffentlichten Sammlung "We are for the dark" erschien, nicht evtl. doch eher aus der Feder des letzteren stammt.



Zumindest dürfte er einen gewissen Einfluß gehabt haben, denn die rätselhaften, unerklärt bleibenden Ereignisse sind durchaus "Aickmanesque". Die filmische Umsetzung ist dann mit der gewohnten BBC-Qualität vorgenommen wurden, vielleicht gibt es den ein oder anderen Flashback zu viel, aber die dräuende Atmosphäre des stetig grauen Himmels, unter dem die beiden Brüder durch trostlose Landschaften schippern, unterstützt die Unheimlichkeit der Geschichte hervorragend.

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Mittwoch, 18. November 2015
La lunga notte di Veronique
Italien 1966, Regie: Gianni Vernuccio



Nachdem seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen, erfährt der junge Giovanni, daß sein eigentlicher Vater aus einer reichen und angesehenen Familie stammt. Sein Großvater hält ihn zunächst für einen Schwindler, doch Details aus der Vergangenheit überzeugen ihn vom Gegenteil und er schließt den jungen Mann in sein Herz. Giovanni wiederum ist sehr angetan von der mysteriösen Veronica, die ein Wiedergänger längst verstorbener Frauen desselben Namens zu sein scheint...



Obwohl der Film einige Motive des Gothic Horrors aufgreift, dürfte er für Freunde des gerne mal etwas deftiger ausgefallenerem italienischen Horrorkino eher enttäuschend sein, handelt es sich doch eher um ein melancholisches Liebesdrama mit übernatürlichen Elementen. Macht aber nichts, denn er ist durchaus schön anzusehen und verbreitet über die meiste Zeit eine wunderbare traumähnliche Atmosphäre.



Auch gibt es ein paar interessante Details - die Hauptfigur studiert Jura und muß dafür Nietzsche lesen? Vielleicht muß man das in Italien. Vor allem ist der Film aber auch ein Film der Blicke:







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Mittwoch, 29. April 2015
Tilbury
Island 1987, Regie: Viðar Víkingsson



Laut einer alten isländischen Legende entsteht ein "Tilberi" dann, wenn eine Frau am Pfingstsonntag einen menschlichen Knochen ausgräbt, ihn mit gestohlener Wolle umhüllt, mehrere Wochen zwischen ihren Brüsten trägt und ihn nach dem Gottesdienst mit dem nicht heruntergeschlucktem Meßwein bespuckt. Der Tilberi ernährt sich über einen Nippel, der der Frau aus dem Oberschenkel wächst und kann auf Beutezug geschickt werden, den Kühen benachbarter Höfe die Milch abzuzapfen, bis sein Bauch voll ist - dann klopft er bei seiner "Mutter" an und kotzt die Ausbeute in bereitgestellte Eimer.



Im Jahre 1940 zieht es den jungen Audun aus der Provinz nach Reykjavik, weil er sich als Schwimmer verbessern will und es dort größere Hallen zum Training gibt. Der lokale Pfarrer gibt ihm dabei den Auftrag, nach seiner Tochter Gudrun zu schauen, die nach Umzug in die Großstadt dem Meßwein scheinbar mehr zuspricht, als es sich für junge Damen geziemt...



Filme wie dieser bestätigen mich immer wieder in meinem Unterfangen, nach obskuren Horrorfilmen aus exotischen Ländern zu suchen - denn in diesen bekommt man manchmal Geschichten aufgetischt, die so sehr von den üblichen Schemata divergieren, daß es eine wahre Freude ist.



Die Legende vom "Tilberi" wurde wohl im 17. Jahrhundert zum ersten Mal schriftlich festgehalten, Regisseur Vikingsson drehte seinen Film aber nach einer Kurzgeschichte von Þórarinn Eldjárn, einem der bekanntesten Autoren Islands, der das Motiv in eine modernere Zeit transponierte.



Dabei streift der Film immer wieder das Gebiet der Groteske und die ein oder andere Szene ist ein wenig überzogen geraten, was man aber schon verschmerzen kann, da die Story einfach unglaublich abgefahren ist und auch zahlreiche stilvolle, atmosphärische Sequenzen geliefert werden, nebst einem perfekt rätselhaftem Ende.



Viðar Víkingsson drehte 1985 mit Draugasaga bereits einen Horrorfilm für das isländische Fernsehen, der ebenfalls über zahlreiche gelungene atmosphärische Momente verfügte, von der Story über einen Geist in einem Fernsehstudio aber eher konventionell ausgefallen war.



Tilbury hingegen ist einer von diesen Filmen, die so originell und ideenreich sind, daß einem keine wirklich passenden Vergleichsobjekte einfallen wollen - man hockt vielmehr mit offenem Mund vor dem Bildschirm und glaubt nicht ganz, was man da gerade sieht. Großartig!

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Mittwoch, 25. März 2015
Jovana Lukina
Jugoslawien 1979, Regie: Zivko Nikolic



Jovana Lukina lebt mit ihrem Mann in den kargen Bergen Montenegros und hilft ihm bei seiner Arbeit, Kalksteine klopfen und transportieren. Sie ist aber auch die schönste Frau in der ganzen Gegend und dadurch, da niederen Standes, auch ständigen Gefahren ausgesetzt...



Die Epoche, in der der Film spielt, bleibt unbestimmt, doch selbst, wenn man sich mit den Legenden und der Geschichte Montenegros bestens auskennen würde, dürfte er von seiner Magie und Rätselhaftigkeit wenig einbüßen. Statt einem umfassenden Handlungsbogen ist er eher mehreren aneinandergereihten Episoden verpflichtet, die mal das politische, mal das religiöse und immer wieder das sexuelle streifen, aber manchmal auch in mythologische Bereiche abdriften. So werden die Dorfbewohner eines Tages von bewaffneten Männern aus den Häusern gerissen, um die Kirche mit Steinen zu bewerfen, an einem anderem Tag fordern andere bewaffnete Männer sie wiederum dazu auf, die Kirche wieder freizulegen - demgegenüber stehen Szenen, in denen Jovana und ihr Mann zwei blonden Kindern in den Bergen begegnen, die ihnen ein junges Lamm schenken.



Der Film liefert über seine ganze Laufzeit spektakuläre, stark beeindruckende Bilder, die mich an den hier bereits besprochenen Vedreba und die Filme des ebenfalls aus Georgien stammenden Sergej Parajanov erinnerten. Drei Sequenzen stechen hier besonders heraus: In der ersten begegnet Jovana einer Gruppe von Mißgestalteten, die den Satan in den Bergen suchen - diese dürfte wohl für die Vergleiche des Films mit Jodorowskys El Topo verantwortlich sein, die man hier und dort zu lesen bekommt. In einer weiteren Szene beschließt Jovana, nackt und enthemmt vor Fremden zu tanzen, was dann auch entsprechend bestraft wird. Und dann gibt es diese Schlußeinstellung: Zwei Minuten lang schauen wir der Titelfigur in die Augen, die zwischen Trauer, Angst, Unsicherheit und Wahnsinn schwanken...



Bei einer Recherche in der imdb war ich zunächst erstaunt, daß die Hauptdarstellerin Merima Isaković danach nur noch selten in Erscheinung trat - sowohl ihre eigentümliche Schönheit als auch ihr außerordentliches schauspielerisches Talent hätten aus ihr eigentlich eine Größe des europäischen Kinos machen sollen - eine weitere Recherche mit Hilfe von Google-Übersetzung auf serbischen Seiten brachte dann die traurige Wahrheit ans Licht - die Schauspielerin hatte 1979 einen Autounfall und ist seitdem querschnittsgelähmt. Untätig ist sie aber keinesfalls, sondern engagiert sich politisch und für die Rechte Behinderter - eine große Frau, wie auch Jovana Lukina ein großer, magischer, atemberaubender Film ist.

























Die Tanzszene gibt es momentan auf youtube zu sehen, mal schauen, wie lange noch.

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Dienstag, 10. März 2015
The Orchard End Murder
GB 1980, Regie: Christian Marnham



In den frühen 60er Jahren nimmt ein Cricketspieler seine Freundin zu einem Spiel auf dem Land mit, ihr Schäferstündchen im Feld wird aber unterbrochen, als ihm einfällt, daß er ja aufs Spielfeld muß. Gelangweilt vom Spiel erkundet die junge Dame die Umgebung und stößt auf ein Bahnhofswärterhäuschen mit liebevoll gepflegtem Vorgarten, inklusive zahlreicher Gartenzwerge. Der bucklige Besitzer lädt sie zum Tee ein, doch schon bald bereut sie, die Einladung angenommen zu haben...



Bis Mitte der 80er Jahre waren in britischen Kinos "Vorfilme" von 20-50 Minuten Länge aus heimischer Produktion üblich, von denen die meisten mittlerweile in Vergessenheit geraten sind. The Orchard End Murder wurde damals im Verbund mit Gary Shermans sympathischen Dead & Buried aufgeführt, und auch wenn er künstlerisch nicht ganz an hier bereits besprochenen Beispiele wie The Insomniac oder Sleepwalker (dem dieser Vermarktungsweg dann doch verschlossen blieb) heranreichen kann, ist er immer noch recht bemerkenswert.



Zu Beginn fängt die Kamera einige schöne Landschaftsaufnahmen des ländlichen Englands ein, in denen sich die Protagonisten zu verlieren scheinen, doch mit der zentralen Mordszene auf einem Apfelhaufen gelingen Bilder, die man so anderswo noch nicht zu sehen bekommen hat. Die im weiteren Verlauf des Films stattfindende Mischung aus schwarzem Humor und angedeuteter Nekrophilie läßt einen auch ziemlich schlucken. Der Film war das Debüt der mittlerweile vor allem im TV ganz gut beschäftigten Schauspieler Rik Mayall und Clive Mantle, sie sind eventuell froh darüber, daß ihn niemand mehr kennt, ich hingegen werde meine Fühler nach weiteren Filmen dieser Art ausstrecken, denn hier wurde scheinbar einiges ausprobiert, was in Langfilmen zu dieser Zeit nicht ohne weiteres möglich war.

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Donnerstag, 29. Januar 2015
14. Hofbauer-Kongress: Die 4. Nacht
Am letzten Kongresstag ärgerte ich mich zunächst über meinen verblödeten Orientierungssinn, kehrte ich doch ca. 20 Meter vor dem Ziel um und lief eine große Schleife, traf dann aber glücklicherweise den Kollegen Udo an einer Ampel, der wußte, wo's lang ging. Erinnerte mich an meinen bislang einzigen Aufenthalt in New York, bei dem ich die 42nd Street in östlicher Richtung entlangschlenderte, um zu kucken was da so ist, aber irgendwann dachte "da kommt nichts mehr" und umdrehte. Erst tags darauf beim Blick auf den Stadtplan fiel mir auf, daß ein paar Meter weiter das UN-Hauptgebäude gekommen wäre. Aber ich schweife ab. Nun, einige Kongressteilnehmer trafen sich vorab im chinesischen Restaurant Gourmet Tempel, dessen Name vielleicht ein wenig zu hochgestochen klingt, aber das Ambiente mit großem Aquarium ist fein, das Essen gut und die Preise auch durchaus vertretbar. Ausreichend gestärkt gings dann weiter ins Kino, zu einem Film, der sich als weiteres großes Highlight entpuppen sollte.



Die alternativen Vorschläge der Google-Bildersuche zu ICH SCHLAFE MIT MEINEM MÖRDER (Deutschland/Frankreich 1970, Regie: Wolfgang Becker) verwirren mich ein wenig, doch der Film selbst bot allerbeste Unterhaltung mit schnodderigen Dialogen, zahlreichen Plot-Twists und vor allem einer Besetzung von Gottes Gnaden. Harald Leipnitz gibt den schon leicht aufgedunsenen Playboy, der sich von seiner Frau Ruth-Maria Kubitschek aushalten lässt, aber gemeinsam mit seiner Geliebten Veronique Vendell Pläne schmiedet, die Gattin aus dem Weg zu räumen, ohne auf ihre Kohle verzichten zu müssen. Frau Vendell ist schon eine außerordentliche Schönheit, die den ganzen Film über Probleme hat, sich vollständig anzuziehen und immer noch mit dem Produzenten auch dieses Films Wolf C. Hartwig verheiratet ist. Als Bonus schaut auch noch der großartige Friedrich Joloff als Kommissar vorbei. Ein exorbitantes Beispiel frischer frecher deutscher Filmkunst, das jede Menge Spaß bereitet. Das Hofbauer-Kommando sah indes voraus, welche Wirkung Fräulein Vendell auf das sabbernde Stammpublikum haben würde und präsentierte vor dem nächsten Film drei Trailer mit ihrer Beteiligung.



Bei diesem gab es dann gleich wieder die Kubitschek und als jüngere Frau wurde ihr in MADAME UND IHRE NICHTE (Deutschland 1969, Regie: Eberhard Schröder) die bezaubernde Edwige Fenech zur Seite gestellt, die im Film aber in Wirklichkeit ihre Tochter ist, und sich nur als ihre Nichte ausgibt, um das Alter der Mama nicht zu offensichtlich preiszugeben. Von den Bildern und der Musik her hätte das auch ohne weiteres ein italienischer Film sein können und gipfelte in einer prächtigen Drogensequenz.



Wer statt Haschzigaretten eher Bananen mag, der kam dann bei FERDINAND DER PUSSYSCHRECK (Deutschland 1976, Regie: Alois Brummer) auf seine Kosten. Oder vielleicht auch nicht. Es werden zwar von der Hauptfigur in der Tat viele Bananen verzehrt, die begleitenden Sexszenen waren aber weniger reich an Calcium, das rödelte dann schon eher dröge vor sich hin. Einziges Highlight war dabei ein Professor mit so einer Art Wichsmaschine und die Brüste des Mädchens aus der U-Bahn waren auch in Ordnung. Sowas trägt aber nicht unbedingt einen ganzen Film.

Im Anschluß waren weitere FWU-Filme geplant, aber, oh weh, der 16mm-Projektor gab seinen Geist auf. Zur Überbrückung spielten Christoph und Udo auf dem hauseigenen Klavier, was eine hervorragende Idee war, aber auch einen leicht melancholischen Unterton bekam, stand das Ende des Kongresses doch kurz bevor. Zum allerersten Mal gelang es meiner physischen Konstitution aber, am traditionellen "Austrüben" des Kongresses teilzunehmen: Dieses sollte ab 6 Uhr in der Gaststätte "Meistertrunk" stattfinden, diese machte aber einen geschlossenen Eindruck. So folgten wir einem älteren Stammgast, der meinte: "Die Maria hat noch auf", durch die Stadt, um uns dann vor der "Herz Dame", der Vorkneipe eines Bordells mitten im Nürnberger Rotlichtbezirk wiederzufinden, die aber immerhin recht moderate Bierpreise hatte, und wenn ein solches Ambiente nicht zum Hofbauerkongress passt, dann weiß ich's auch nicht. Die Maria war anfangs ein wenig überfordert, da wohl nicht jeden Tag 20 cinephile Eklektiker auf einmal in ihr Etablissement einfallen, wurde aber zunehmend lockerer. Neben Maria war in dem Laden noch eine Asiatin angestellt, die erpicht darauf war, leere Bierflaschen schnellstmöglich von den Tischen zu entfernen und ich versuchte, mir nicht auszumalen, warum sie das tat. Bald ging die Kunde durch den Raum, daß der "Meistertrunk" nun wieder geöffnet hätte, der Wirt hatte wohl verschlafen, was schon verständlich ist, wenn er erst um 5 Uhr zugemacht hat. Da zog es mich dann aber doch Richtung Bett, während einige andere Teilnehmer tatsächlich noch bis 13 Uhr weitertrübten. Diese Hofbauer-Kongresse setzen ungeahnte Kräfte in den Menschen frei.

Weiterführende Literatur zum 14. Hofbauerkongress von Silvia, Oliver, Michael, Udo (it.), Udo (dt.).

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Donnerstag, 22. Januar 2015
14. Hofbauer-Kongress: Die 3. Nacht


Am späten Nachmittag versammelten sich zunächst einzelne Kongressteilnehmer in einem fränkischen Wirtshaus, um sich für das Abend- und Nachtprogramm zu stärken, ich zögerte zunächst ein wenig, wählte dann aber doch ein Gericht mit Sauerkraut, obwohl der Verzehr desselben meinen Körper manchmal dazu verleitet, am falschen Ende auszuatmen. Es ging aber alles gut, und so konnten sämtliche Sinne anschließend WO, WANN, MIT WEM? (Italien 1968, Regie: Antonio Pietrangeli) genießen, der nicht ganz so gespenstisch war wie der oben eingebettete Vorspann suggerieren vermag, seine Geschichte um eine Frau, die zwischen ihrem Ehemann und einem jungen Liebhaber (Horst Buchholz) hin- und hergerissen ist, aber die ganze Laufzeit über mit wunderschönen Bilder und Musik austattete. Schon wieder ein Lieblingsfilm!



Was tun, wenn die eigene Frau droht, die unkoscheren Geschäfte mit Drogen und Waffen, mit denen man so seinen Lebensunterhalt bestreitet, bei der Polizei anzuzeigen, um endlich ein ruhiges normales Leben zu führen? Die Antwort liegt auf der Hand: Man engagiert einen Nachtclub-Hypnotiseur, der sich einen Serien-Vergewaltiger vornimmt, der dann zufällig in einer einsamen Waldhütte auf die Gattin trifft. IM FIEBER DER LUST (Kanada 1967, Regie: Rudi Dorn, John Gaisford) bot sympathisches Schmuddelkino mit viel Brüsten, Overacting und liebenswert hirnrissigen Drehbucheinfällen, nur das Finale war vielleicht ein wenig zu sehr in die Länge gezogen. Was immerhin noch besser ist, als wenn sich der ganze Film in die Länge zieht, wie es beim folgenden "tristen Überraschungsfilm" KÄUFLICHE NÄCHTE (Italien 1962, Regie: Mino Loy) der Fall war: Eigentlich eine italienische Reportage über diverse Showacts in der ganzen Welt, wurden für die deutsche Fassung einige Kabarettisten (u.a. von der Münchner Lach- und Schießgesellschaft) zusammengetrommelt, die das ganze noch mit "witzigen" Kommentaren würzen sollten. Aber entweder haben die den Job für ein paar Mark schnell nebenbei durchgezogen, oder das deutsche Kabarett war zu dieser Zeit vom Niveau her nicht weit von einer Karnevalssitzung in Puffendorf entfernt. Da die Kabarettisten auch als sie selbst und nicht in irgendwelchen Rollen auftraten, kann man das auch nicht als "Meta-Satire" bewerten, und selbst wenn, waren die von diversen Rassismen durchzogenen Dialoge dann immer noch nicht lustig. Einzelne Showacts boten noch Lichtblicke, etwa die japanische Tänzerin, die sich so sehr verbiegen konnte, daß sie an einen Geist aus den Ju-On-Filmen erinnerte oder die Louis Prima-Band in Las Vegas mit enormen Entertainerqualitäten, aber das meiste tat einfach nur weh.



Nun war es so weit, daß ich in meinen Rucksack griff und dem Vorführer die Blu-ray von MARTINS FEUER (Deutschland 2013, Regie: Bruno Sukrow) überreichte, damit dieser zum ersten Mal außerhalb Aachens das Licht der Leinwand erblicken konnte. Ich war so aufgeregt, daß ich bei der Einführung mehrmals mitten im Satz den Faden verlor, wurde aber glücklicherweise durch den eloquenten Christian vom Kölner Filmclub 813 unterstützt. Und der Film, über den ich hier bereits geschrieben habe, war auf einer richtig großen Leinwand noch um einiges beeindruckender und er hat, wie erwartet, auch hier sein Publikum gefunden, was von Szenenapplaus an den richtigen Stellen unterstrichen wurde.

Aber da war noch Luft für mehr Überwältigung: Mit DU UND DEINE UMWELT wurde wohl der denkbar unfassbarste aller von der 1. Kongressnacht und aus dem Schulunterricht bekannten FWU-Filme projiziert. In mehreren Episoden greift hier ein Jugendlicher zu einem Wundergerät namens "Hilmi", welches beruhigende psychedelische Farben ausstrahlt, wenn es aktiviert wird. Es wird aber keinerlei Moral oder Erklärung dafür mitgeliefert. Sollte dieser Film jetzt vor Drogen warnen? Den Druck, unter dem zeitgenössische Teenager stehen, empathisch illustrieren? Plante da irgendjemand - auf äußerst subtile Weise - mittels Einführung des Hilmi-Films auf abendländischen Schulen die Jugend zu hypnotisieren und dadurch zur Weltherrschaft zu gelangen? Man wird es wohl nie erfahren.



Weniger rätselhaft erscheint hingegen die Motivation der Macher von BLUTJUNGE MÄDCHEN HEMMUNGSLOS (USA 1971, Regie: William Rotsler): Hier sollte mit möglichst viel nackten Tatsachen Kasse gemacht werden, und um noch ein anderes Zielpublikum ins Boot zu holen, wurde das ganze in einen Mafia-Plot verpackt. Diesem mangelt es zuweilen an Stringenz, bildet aber die Grundlage für einige ruppige Sprüche. Der Film sleazt kurzweilig vor sich hin und kulminiert in einer Sexszene, die partout nicht enden will - nach einem Schnitt auf eine externe Straßenszene meint man, es wär vorbei, aber nein, es geht weiter - auch nach einem zweitem, ähnlichen Schnitt...und nach einem dritten ebenfalls. Diese Vorgehensweise entfachte beim Publikum eine kollektive Hysterie, wie sie wohl nur bei Hofbauer-Kongressen möglich ist: Ungläubiges, sich stetig steigerndes Gelächter, Szenenapplaus bei jedem weiterem redundanten Schnitt, schlußendlich Bauchschmerzen vor Lachen, aber glücklich.



Damit aber nicht genug: Für die ganz Harten wurde jetzt noch der "Videoknüppel" ausgepackt, und es ward der 7. Teil einer beliebten Lykanthropen-Saga: HOWLING: NEW MOON RISING (GB 1995, Regie: Clive Turner) ist mehr oder weniger das Soloprojekt des australischen Regisseurs und Hauptdarstellers, der eine liebevolle Hommage an Bluegrass-Musik, Line-Dancing und Sitcoms vergangener Tage abliefert, ein paar Werwölfe kommen nebenbei auch vor, wurden aber hauptsächlich aus vorherigen Teilen der Serie hineingeschnitten. Das beeindruckende IMDb-Rating von 1,8 lässt sich möglicherweise nur dadurch erklären, daß die meisten Leute, die den Film bewerteten, tatsächlich einen ernsthaften Werwolf-Film erwartet haben und keine Countrymusik mögen. Dabei wird hier niemandem etwas vorgemacht, denn die meisten Figuren heißen im wirklichem Leben genauso. Und musikalisch ist man durchaus Innovationen zugeneigt und keineswegs altmodisch: Den Rhythmus für eine Nummer liefern die Darsteller mit den Reißverschlüssen ihrer Hosen (siehe Abbildung) - so etwas sollte Schule machen.

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Donnerstag, 15. Januar 2015
14. Hofbauer-Kongress: Die 2. Nacht
Der Kongress-Samstag findet traditionellerweise im Uferpalast im benachbarten Fürth statt, und nach einem verregneten Tag war man froh, immerhin das Kino trockenen Fußes erreichen zu können. Die gute Laune steigerte sich ins Unermeßliche, als man auf der Leinwand dann auf MILKMAN FRANKIE (Japan 1956, Regie: Kô Nakahira) traf: Die Geschichte um ein nicht besonders kluges, aber mit einem Herzen aus Gold ausgestattetem Landei, das sich in der großen Stadt als Milchmann verdingen muß, um den Betrieb der Tante zu retten, hatte alles, was für mich eine gelungene Komödie ausmacht: Liebenswert ausgearbeitete Figuren, zahlreiche Nebengags mit liebevollen Details und ein gutes Maß an Slapstick. Der erste Lieblingsfilm des Kongresses, und als man anschließend zum Rauchen in den Schneeregen heraustrat, ahnte ich noch nicht, daß der zweite direkt darauf folgen würde.



Ähnlich wie das Plakat, füllt Heinrich George auch den ganzen Film SCHLEPPZUG M 17 (Deutschland 1933, Regie: Heinrich George, Werner Hochbaum) mit seiner enormen physischen Präsenz aus. Er gibt den Schiffer Henner, der mit seiner Familie nach Berlin schippert, wo er der Gangsterbraut Gescha erliegt. Henner stampft über die Gefühle seiner Familie hinweg wie nur nichts, aber als Familienoberhaupt kann man sich das schon erlauben, ein bißchen leid tut's ihm ja schon. Melodramatik bis zum Anschlag mit tollen Bildern des Berlins von 1933. Aus dem Kinosaal heraustaumelnd, sah man sich plötzlich mit einer dicken Schneedecke konfrontiert. Es ward eh eine Pause angesagt und so stärkte man sich nicht mit, sondern bei einem hervorragendem Afghanen.



Mit DIE STRANDBIENE (Dänemark 1966, Regie: Knud Leif Thomsen) gab es dann eine ziemliche Überraschung, denn statt der erwarteten Sexkomödie schwenkte der Film recht bald zu einem reichlich gesellschaftskritischen und existentialistischen Drama um, dessen Figurenkonstellation an Pasolinis allerdings erst 2 Jahre später entstandenen Teorema erinnerte. Der aufmüpfige Per, der hier die Werte einer nur vordergründig gutbürgerlichen Familie durcheinanderrüttelt, ging mir mit zunehmender Laufzeit zwar etwas auf die Nerven, aber das war wohl im Sinne des Erfinders. Bemerkenswerte Performance von Søren Strømberg auf jeden Fall. Die Szene, in der er diversen Familienmitglieder Pornofilme vorführt, erinnerte mich dann an eins der Highlights des 12. Hofbauer-Kongresses, ...soviel nackte Zärtlichkeit - während man sich dort aus den erstaunten Blicken der Zuschauerin die unerhörten projizierten Bilder selbst ausmalen konnte, wurden sie hier von einem fetten weißem X unkenntlich gemacht, das wohl auch bereits in der dänischen Originalversion vorhanden und keine Idee der deutschen Zensurbehörde war.



Anschließend verschlug es uns mit einigen amerikanischen Soldaten auf die INSEL DER UNBERÜHRTEN FRAUEN (USA 1952, Regie: W. Merle Connell). Überm Pazifik abgeschossen, erreichen unsere Helden via Schlauchboot eine unbekannte Insel, die von ausschließlich weiblichen Nachfahren der Druiden bewohnt wird. Ihr Verhältnis Männern gegenüber ist äußerst ambivalent, und als die Anführerin unsere Jungens heimlich freilässt, macht sie das mit dem Hintergedanken, daß diese von den Riesenviechern, die einen anderen Teil der Insel bewohnen, verspeist werden würden. Herrlich naives 50s-Low Budget-Kino mit zahlreichen liebenswerten Details in Dialogen und Spezialeffekten. Interpretationen, warum aus den "ungezähmten" Frauen des Originaltitels in der deutschen Fassung "unberührte" Frauen geworden sind, sind beim Amt für Resozialisierung von prähistorischen Monstren (3. Stock, Zimmer 12) abzugeben.

Abgeschlossen wurde der Abend von INTIME LIEBSCHAFTEN (Deutschland 1980, Regie: Hans Billian), den wir im Rahmen unserer eigenen 35mm-Reihe in Aachen schon mal gezeigt hatten, und dessen detaillierte Beschreibung bundesdeutscher Wohnungseinrichtungen der Entstehungszeit auch bei der zweiten Sichtung überzeugen konnte, ebenso wie das Timing des Regisseurs, der das Gebumse nicht allzu fad werden liess. Etwas melancholisch wurde ich bei dem Gedanken, daß die 2 Euro-Münze das hier in einer Szene prominent eingesetzte gute alte 5 Mark-Stück nicht wirklich ersetzen kann.

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Donnerstag, 8. Januar 2015
14. Hofbauer-Kongress: Die 1. Nacht
Nachdem ich den letzten Filmverlockungen des Hofbauer-Kommandos leider entsagen mußte, konnte ich Anfang des Jahres glücklicherweise wieder am außerordentlichen Filmkongress in Nürnberg teilnehmen. Dabei unterschlug ich allerdings den allerersten Film des Programms, da mir schon bekannt und eine spätere Anreise und damit längerer Schlaf verlockender schienen.

So begann es dann für mich mit OH HAPPY DAY (Deutschland 1970, Regie: Zbynek Brynych), der locker-flockigen Geschichte der heranwachsenden jungen Anna in München, in dessen Zentrum freilich die Themen Liebe, Sex, Rebellion und Drogen standen. Ein schöner, leichtfüßiger Film, bei dem mich höchstens der hohe Anteil innerer Monologe der Protagonistin etwas störte. Verblüffend jedenfalls die Szene, als ihr Freund sie mit ins Fußballstadion nimmt und Bayern München dort ausgerechnet gegen Alemannia Aachen spielen! Erstaunlich auch, wie sehr das Grünwalder Stadion anschließend einem Kartoffelacker gleicht, sowas kann man sich im heutigen Profifußball kaum noch vorstellen.



Darauf folgte bereits der "stählerne Überraschungsfilm" - unter diesem Motto präsentieren die Kommandanten ihrem Publikum immer besonders harte Kost und diese entpuppte sich dieses Mal als die Militärklamotte DER OBERST MIT DEM DACHSCHADEN SCHLÄGT WIEDER ZU (Italien 1974, Regie: Andrea Bianchi). In den ersten Minuten war noch eine endlose Aneinanderreihung alter platter Gags zu befürchten, doch bereits der Auftritt von Dagmar Lassander verschaffte den Augen Linderung und später gab es tatsächlich noch einige sehr lustige Momente, aus denen vor allem die Szene hervorstach, in welcher der Oberst einem General ausführlich die gelagerten Vorräte zeigt - hauptsächlich Salami allerlei Couleur - die dann in einem gemeinsamen Verzehr von Schokoladencreme gipfelt. Hier deutete sich auch kurz an, zu welchen Schmierigkeiten der Regisseur später fähig sein sollte.



Weiter ging es mit SHAOLIN KUNG-FU - DER GELBE TIGER (Taiwan 1976, Regie: Chang Peng-Yi) - der Kung Fu-Film an sich gehört zwar nicht unbedingt zu meinen Lieblingsgenres, ist aber freilich auch ein fester Bestandteil ehemaliger Bahnhofskinokultur, die auf den Kongressen ja konsequent immer wieder auflebt. Hier hatten wir es auch mit einem durchaus mitreißendem Vertreter der Gattung zu tun, vor allem der Bösewicht mit seinen fliegenden Messern konnte mich dann doch von ersten Ermüdungserscheinungen fernhalten.



Zum Abschluß gab es noch ein paar 16mm-Kurzfilme des "Instituts für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht", das die meisten wohl noch aus der Schulzeit kennen dürften. Der erste davon, VERLIERER DER STRASSE, verbreitete zwar nettes Zeitkolorit, hatte aber einen unerfreulich zynischen Beigeschmack, da statt didaktisch vor den Gefahren unachtsamen Motorradfahrens eher alle Motorradfahrer als Verlierer dargestellt und auch nicht auf authentische Unfallopfer verzichtet wurde. Erfreulicher dagegen ACHTERBAHN DER GEFÜHLE, der das sexuelle Erwachen aus weiblicher Sicht thematisierte. Abgerundet wurde der Abend mit einem Animationsfilm über die Geschlechtsreife des Mannes, in dem der Penis schicke Strahlen Richtung Gehirn sendete. Oder war es andersherum?

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Dienstag, 30. Dezember 2014
Die schwarze Spinne
Schweiz 1983, Regie: Mark M. Rissi



Als eine Gruppe verdrogter Jugendlicher feststellt, weder Dope noch Kohle zur Verfügung zu haben, beschließt sie, in ein chemisches Labor einzubrechen, zu dem einer von ihnen als Praktikant einen Zugang hat. Dabei setzen sie allerdings eine giftige Substanz frei und sie flüchten in das Haus eines alten Mannes, der meint, in einem Dachbalken die furchterregende "schwarze Spinne" gefangen zu halten, was die jungen Menschen für eine Spinnerei halten.



Die Spinne kam einst auf die Welt, als die schöne Christine im Emmental versuchte, den Teufel zu verprellen: Um die Bauern vor den unmöglichen Forderungen eines grausamen Ritters zu retten, ging sie mit dem Gehörnten einen Pakt ein, aber hielt ihn nicht. So wuchs eine Spinne aus ihrem Gesicht, deren Gift bald das ganze Dorf dahinraffte...



Diese durchaus brauchbare Adaption von Jeremias Gotthelfs Novelle verschwand relativ bald von der Bildfläche, trotz (oder gerade wegen?) Filmmusik von YELLO. Als Rheinländer hatte ich Schwierigkeiten, den größtenteils im Dialekt gesprochenen Dialogen zu folgen, aber immerhin sprechen Christine, der grausame Ritter und der Teufel halbwegs hochdeutsch. Was freilich auch ein subtiler Seitenhieb der schwyzerdütschen Macher sein könnte.



Béatrice Kessler, wie sie irritiert durch das Grün der Wälder streift, erinnerte mich jedenfalls sehr an die Hauptfigur in Marie la louve, den ich letztes Jahr etwa zur selben Zeit gesehen habe. Auch die anderen Darsteller sind nicht verkehrt, und gegen die Transponierung der Rahmenhandlung in die Gegenwart kann man auch nichts haben. Ein weiteres schönes Beispiel europäischen Genrekinos, das sich auf die eigenen Wurzeln besinnt, anstatt blindlings ausgetretene Klischees zu kopieren. Eigenwillig, aber gerade deswegen auch sehr sehenswert.

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